Eine Stimme für Pferde - Ausgabe 12 (Schmerz) - Print
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EDITORIAL
Leiden in Stille
Vor vielen Jahren sagte mir ein Pferdemensch: «Wenn Pferde einen Schmerzschrei wie Hunde oder Katzen hätten, dann wären die Turnierplätze leer, weil wir dies als Zuschauer nicht aushalten könnten.» Dies gilt nicht nur für Turnierplätze, sondern überall, wo mit Pferden gearbeitet wird.
Nur weil Pferde als Fluchttiere instinktiv jeden Schmerzenslaut unterdrücken, heisst es noch lange nicht, dass sie schmerzfrei sind. Studien zeigen, dass bis zu 73 % der Reitpferde unter Schmerz oder Lahmheit leiden.
Rund 50 % der Reiter interpretieren die Schmerzreaktion ihres Pferdes als eine Unart, für die das Pferd bestraft wird. Ich denke an Pferde, die beim Satteln nicht stillstehen können, weil sie Rückenschmerzen haben. Studien haben gezeigt, dass jeder zweite Sattel nicht passt. Und dann wird das Pferd mit einem unpassenden Sattel auch noch geritten – und es wird Konzentration und Leistung verlangt. Wie soll das gehen?
Spätestens jetzt müsste jeder Pferdehalter nachdenklich werden. Wie sieht es beim eigenen Pferd aus? Gefragt ist genaueres Hinschauen; sich Zeit nehmen, um das Verhalten des Pferdes aufmerksam zu beobachten. Was zeigt es wann – z. B. zurückgezogene Nüstern, Weigerung, Schweifschlag oder andere Verhaltensänderungen?
Und was, wenn der Schmerz auf der emotionalen Ebene passiert? Ein Stallgefährte wechselt den Stall; ein Pferd ist gestresst, weil es allein ist; es erlebt Dauerstress oder Frust, weil es seinen natürlichen Bedürfnissen nicht nachleben darf: Sind wir bereit, hier hinzuschauen? Früher oder später zeigt sich auch emotionaler Schmerz im Körper, z. B. als Magengeschwür oder Koppen.
Ich glaube, Menschen tragen viel Schmerz in sich. Weil sie nicht bereit sind, bei sich selbst hinzusehen, fehlt die Bereitschaft, den Schmerz in anderen Lebewesen wahrzunehmen – denn das würde die Erinnerung an den eigenen unverarbeiteten Schmerz wecken.